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I sarti di Bolzano nel passato

Insegna di commercio di Peter Fink, sarto maschile a Bolzano, 1800 ca. (Apri l'immagine jpg, 406 Kilobyte, 751 per 1024 pixel)

 

Das alte Schneiderhandwerk in Bozen

Saggio in occasione dell'European Tailor Congress, Bolzano, 13-16 maggio 2010
 

di Hannes Obermair



Kleidung zählt zum Grundbedarf menschlicher Existenz. Auch für Bozens städtische Konsumenten des Mittelalters und der Frühen Neuzeit war dies nicht anders. In der Stadt konzentrierten sich vorwiegend sekundärer und tertiärer Sektor, während die Urproduktion (Land- und Forstwirtschaft bzw. Bergbau) den ländlichen Regionen vorbehalten blieb.
 

Hinzu kam, dass Bozen als größte Stadt im südlichen Tirol dank ihrer Lage an der wichtigsten alpenquerenden Handelsroute intensiv am deutsch-italienischen Warenaustausch partizipierte. Schneider zählten daher auch in Bozen zu den wichtigsten städtischen Anbietern: Sie produzierten zum einen für die Bedarfsdeckung der privaten Haushalte einer Stadt, die im 15. Jahrhundert eine geschätzte Bevölkerungszahl von 3.000 bis 4.000 Einwohnern erreichte und damit selbst schon ein beachtliches Kaufpotential aufwies. Des weiteren wurden auch ländliche Verbraucher, etwa des Überetschs, beliefert, zumal die ländliche Selbstversorgung in jenen Bereichen an ihre Grenzen stieß, die eine erhebliche Spezialisierung der Berufe und auch eine irgendwie geartete Ausbildung voraussetzten. Eine dritte Richtung kam durch die zahlreichenden Durch- und Handelsreisenden hinzu, die auf das standortgebundene städtische Handwerk vor allem während der regelmäßigen Marktzeiten zurückgriffen.
 

Zwischen "Land" und "Stadt" bestanden zudem stark ausgeprägte wirtschaftliche Austauschformen. Das Handwerk der Schneider war ein verarbeitendes Gewerbe, das die Belieferung mit textilen Rohstoffen erforderte. Wiewohl kaum durch Quellen belegt, ist davon auszugehen, dass ein reges Verlagssystem das ländliche Umfeld Bozens, die Höhen von Reggel- und Guntschnaberg so wie das Etschtal und Überetsch, mit den städtischen Handwerkern verband und auf diese Weise zwei unterschiedliche Lebenswelten durch ökonomische Integration verzahnte. Ähnliche Synergien galten wohl für das Gros der städtischen Gewerbe, die auch in Bozen schon seit dem 13. Jahrhundert eine gewisse Vielfalt aufzuweisen hatten. Neben den Schneidern gab es Kürschner, Gürtler, Sattler, Schmiede und Schlosser, Fassbinder, Bäcker und Müller, Schuster und Gerber, Bader und Barbierer, Schreiner, Tischler, Spengler und Maurer, um nur einen Ausschnitt der arbeitsteiligen städtischen Ökonomie vorzuführen. Sie alle sorgten durch ihre hohe Mobilität für eine gute Durchmischung der städtischen Gesellschaft. Sehr viele Handwerker wanderten zu, sie kamen aufgrund der habsburgischen Landesherrschaft seit dem 14. Jahrhundert vorwiegend aus den österreichischen Gebieten, aber auch die transalpinen schwäbischen Reichsstädte waren mit einem hohen Anteil an Wirtschaftsmigranten in Bozen vertreten. Bekannte Namen wie Zallinger, Mamming, Wagner-Sarnthein, Schlegel oder Schwab stehen für diesen raumgeografischen und wissenstechnischen Fachkräftetransfer.
 

Die Erwerbschancen für städtische Handwerker waren also bestens gegeben, Absatzpotentiale in hervorragender Weise vorhanden. Um diese optimal zu nutzen, formierten sich die einzelnen Gewerbsgruppen auch in Bozen in korporativen Formen. Diese sogenannten "Bruderschaften" waren zünftische, also innungsmäßige Zusammenschlüsse, die auf die Monopolisierung des eigenen Gewerbes, die geregelte Rekrutierung des Nachwuchses und nicht zuletzt die Erhaltung des eigenen Sozialprestiges abzielten. So ist eine Bruderschaft der Bozner Binder (BBB) seit 1495 bezeugt und das Amt der Fleischhauer gar zu 1242 genannt! Der Verbandscharakter des "zünftigen" Handwerks sicherte ihm Durchschlagskraft und entscheidende Alleinstellungsmerkmale, die für die zunehmend marktförmige Ökonomie der wachsenden Stadt von großer Bedeutung waren.
Auch das Schneiderhandwerk beschritt ähnliche Wege. In alteuropäischer und damit vorkonstitutioneller Zeit galt es für Interessensgruppen, sich Vorrechte, die sogenannten Privilegien und Freiheiten, von der höchsten Autorität in Land und Stadt absichern zu lassen. Es war darum der tirolisch-österreichische Landesfürst, Herzog Sigmund aus dem Hause Habsburg, der am 19. November 1471 den Meistern des schneider handtwercks zu Botzen die alten Rechte bestätigte und überdies eine eigene Gewerbeordnung erteilte. Dabei werden vier Hauptvoraussetzungen für die Ausübung des Handwerks genannt:
1. jeder neu als Meister neu Aufzunehmende muss, nachdem er erfolgreich seine Gesellenzeit hinter sich gebracht hatte, ein Meisterstück als Probe seiner Tüchtigkeit zur Prüfung vorlegen;
2. er hat sich in die schneider bruderschafft einzuschreiben und dieser als aktives Mitglied beizutreten;
3. er ist zur Leistung militärischer und steuerlicher Lasten gleich den übrigen Stadtbewohnern, den Bürgern und den sog. Inwohnern, angehalten;
4. ist er ledig, muss er sich binnen Halbjahresfrist verheiraten.
 

Das Paket an Vorschriften zielte also auf die soziale und berufsmäßige Konsolidierung des Berufsstandes ab. Die Bruderschaft, vermutlich mit Bänken und eigenem Altar an der Bozner Marienpfarrkirche ausgestattet und damit kirchlich eingefärbter Überbau materialistischer Betätigung, gewährleistet den korporativen Zusammenhalt, der auch bei religiösen Anlässen durch das Tragen einer Fahne und eigene Kleidung öffentlich sichtbar gemacht wurde. Frömmigkeit galt als Ausdruck stadtbürgerlich-ökonomischer Gesinnung, deren Darstellungsformen besondere Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Eine eigene Zunftlade verkörperte nicht umsonst die Aura der alttestamentarischen Bundeslade: sie versinnbildlichte das Prestige und die wirtschaftliche Potenz des Handwerks, seine Ehrbarkeit und Reputation.
 

Die geforderte Verehelichung, möglichst mit einer Witwe eines verflossenen Schneidermeisters, garantierte Kontinuität gleichermaßen im Schneiderbetrieb, durch die sexuelle Sicherung des Nachwuches, und im Sozialcharakter des Gewerbes, der stets hoch gehaltenen "Ehrbarkeit". Gerade im städtischen Handwerk konkretisierte sich die Idealvorstellung des "ganzen Hauses", wonach Produktion und Reproduktion gleichsam unter einem Dach erfolgten. Die Erfüllung von miltärischen Aufgebotspflichten und die Leistung der geforderten Steuern demonstrierten die "bürgerliche" Qualität und Vollwertigkeit des Handwerks, das sich als Säule kommunalen Selbstbewusstseins verstand. Als "Gemeinwohl" (gemainer nutz) kaschiert, wird diese ideologische Komponente auch im 1471-er Privileg auf markante Weise hervorgestrichen.
 

Und nun einige Namen, die zwar nicht die Gesichter, aber immerhin eine imaginäre Identität von Bozner Schneidern der Vormoderne aufleuchten lassen. Im 15. Jahrhundert, einer demografischen und ökonomischen Boomphase Bozens, begegnen uns laut den Dokumenten der Zeit folgende Tuchschneider und -scherer: Siegfried Payrl, Konrad Pönle, Christian Porz, ein Fritz von der Wangergasse, Ulrich Gartner, Hans Glockner, Ulrich Grüner, Nikolaus Halbsleben, Konrad Händler, Konrad Müßiggang (der seinen Namen mit Humor nehmen musste), Leonhard Rauscher, Lorenz Schenk, Ulrich Schittenberger, Bertold Schüssel, Albert Zackerle, Konrad Zingel und Jakob Zumpf. Das Männerbündische des Gewerbes, einem britischen Gentlemen's Club ähnlich, tritt nur allzu deutlich hervor. Frauen wurden in dieser Zeit erfolgreich in die häusliche Ökonomie abgedrängt, in den Urkunden und Akten bürgert sich für sie nicht zufällig der Begriff der "Hausfrau" ein. Auf ihren vielfach unsichtbaren Reproduktionsleistungen ruhte auch in Bozen das gute Funktionieren des städtischen Gewerbes auf, und nur ganz sporadisch sind auch weibliche Namen aus dem Umfeld des Schneiderhandwerks bezeugt. So begegnet in einer Notiz des späten 14. Jahrhunderts eine Hermanin die Sneyderin als Inhaberin eines Hauses der Bozner Altstadt, welches ihr wohl als Witwengut von ihrem verstorbenen Schneidersgatten verblieben war.
 

Das vorhin genannte, Epoche machende Sigmundianische Privileg von 1471 - am Tag der Hl. Elisabeth von Thüringen, der Patronin der Caritas ausgestellt - entfaltete seine Wirkung über mehrere Jahrhunderte. Es wurde pünktlich zum jeweiligen Amtsantritt von den späteren Landesfürsten in seiner Rechts- und Symbolkraft bestätigt, so etwa von König Maximilian I. im Jahr 1498 und von König Ferdinand I. anno 1529. Sie erneuerten auch jeweils die Strafbestimmungen, die die Verletzung der Schneidervorrechte hintanhalten sollten und zu deren Überwachung die höchsten Amtsleute, der Landrichter von Gries und Bozen sowie der Hauptmann an der Etsch (der Vorläufer des Landeshauptmanns) "par ordre de Mufti" aufgeboten wurden. Der "Staat" nahm die Zunft in seinen Schutz, da er in ihr einen zentralen Baustein der ökonomischen Wohlfahrt und des dynastischen Konsenses vorfand. Um Konkurrenzstrategien vorzubeugen und stets prekäre Gleichgewichte nicht zu kippen, wurden ähnliche Privilegien auch an andere Zünfte, etwa die Binder oder die Schuhmacher, ausgegeben. Nur so ließen sich die endemischen Streitigkeiten innerhalb der Zünfte und unter ihnen einigermaßen beherrschen. Denn Zank, Hader und Uneinigkeit gehörten zum festen Verhaltensrepertoire zünftischer Identität, und es verwundert darum nicht im Geringsten, wenn die große Gesellenordnung der Bozner Schneider von 1656 die Vermeidung von Konflikten als Entstehungshintergrund ausdrücklich nennt.
 

Mit dieser Satz- vnnd Ordnunng gelang Erzherzog Ferdinand Karl ein großer Wurf. Er legte eine Betriebshöchstzahl von 24 Meistern in der räumlich beengten Stadt Bozen und von weiteren zwei Betrieben in Zwölfmalgreien und einem in Gries fest. Auch die Betriebe von Meisterwitwen, die mit Gesellen arbeiteten, gehörten zu den lizenzierten Unternehmungen. Bürgermeister Hans Gumer und der Stadtrat quittierten das Reglement, das auch ihren auf Kontrolle und gesicherte Einkünfte gerichteten Interessen entsprach. Dreijährige Lernzeiten im Gesellenstatus berechtigten zum Karrierefortschritt und zur Erlangung des Meisterstatus, wobei Lernbriefe und Meisterstück vorgelegt werden mussten. Nur Meisterkinder waren - hier griff man auf analoge Innsbrucker Bestimmungen zurück - vom Nachweis der Lernzeit ausgenommen, da man ihnen quasi Stallgeruch und Sozialisationsvorsprünge einräumte.
 

Dass alle Vereidigungen von Gesellen und Meistern vor der offenen Lade der Schneiderzunft zu erfolgen hatten (in ihr wurden auch die Privilegien verwahrt), verweist auf den symbolisch-magischen Kern genossenschaftlichen Wirtschaftens. Das "heilige" Wahrzeichen der Bruderschaft galt als Fetisch und vergegenständlichte das Charisma der Zunft, deren Erzeugnisse den Produzenten Wohlstand, den Konsumenten Wohlbefinden und Status verliehen.

[pubblicato in: "Der Schlern" 85, 2011, n. 1, pp. 32-36] 

Bibliografia:

  • Arnd Kluge: Die Zünfte, Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2007 (maßgebliche Monografie zum deutschen Sprachraum).
  • Karl Theodor Hoeniger: Das älteste Bozner Ratsprotokoll vom Jahre 1469. In: Bozner Jahrbuch für Geschichte, Kultur und Kunst 1931/1934, Bozen: Vogelweider 1934, S. 7-111 (Rekonstruktion des alten Stadtplans von Bozen und der Verteilung der Gewerbetreibenden).
  • Franz Huter: Vom Bozner Schneiderhandwerk. In: Erzeugung, Verkehr und Handel. Festschrift für Herbert Hassinger, hg. von Franz Huter u. Georg Zwanowetz. Tiroler Wirtschaftsstudien 33, Innsbruck: Wagner 1977, S. 157-174 (Fallstudie zu Bozens Schneiderzunft vom 15. bis 18. Jahrhundert).
  • Hans Heiss: Schwäbische Zuwanderungen nach Brixen, Bozen und Trient vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. In: Zeitschrift des Historischen Vereins für Schwaben 82, 1989, S. 39-63 (zu den Handwerkermigrationen nach Südtirol aus dem süddeutschen Raum).
  • Hans Heiss: Bürgerlicher Aufstieg im 17. Jahrhundert. Der Tiroler Kaufmann David Wagner. In: Louis Carlen/Gabriel Imboden (Hg.): Unternehmergestalten des Alpenraums im 17. Jahrhundert, Brig 1992, S. 121-144 (aussagekräftiges Fallbeispiel).
  • Hannes Obermair: Bozen Süd - Bolzano Nord. Schriftlichkeit und urkundliche Überlieferung der Stadt Bozen bis 1500, 2 Bde., Bozen: Stadt Bozen 2005-2008 (Quellensammlung mit den frühen Privilegien und Satzungen der Bozner Schneider).

 

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